25.10.2008
Remains of the day
Käufliches Designergutc.Neeon kooperieren mit Hund M


Als neulich gleich bei mir um die Ecke Hund M eine Filiale eröffnete, traute ich meinen Augen nicht. Die Ladendeko gerierte sich als handelte es sich um ein Underground-Label und gleich am Eingang befand sich eine Regalfront mit Designer-T-Shirts und der dicken Ankündigung, der Verkaufserlös ginge zu 100 % an die Wohlfahrtsorganisation Berliner Tafel. Ein Teil der Ladendeko und die T-Shirts stammen vom Berliner Label c.Neeon.
Nun, wenn ein zynischer älterer Herr aus besseren Kreisen, der blaustichige neoexpressionistische Bilder für Kunst hält, dem Konzern eine herablassende Volkskollektion vermacht, so hat das schon wieder was von Marie-Antoinette'scher Grandezza: »Wenn sie kein Brot haben, so gebt ihnen doch Kuchen!« Wenn aber ein junges Designer-Duo seine club credibility an satte Kuchenfresser verscherbelt gegen die Zusicherung, auch ein paar Brosamen für die Armen übrig zu lassen, so ist das ein beredtes Zeugnis für die armselige Selbstauslieferung junger Designer an die globale Modeindustrie. Die limitierte Auflage von 300 Shirts bringt bei einem Stückpreis von 24,99 gerade mal 7.497 Euro. Das ist in dem Kontext allenfalls konzernadäquates dünn belegtes Knäckebrot.

Mein Vorschlag: das Geld einfach direkt spenden

04.09.2007
Remains of the Day
Moderevolution

»Triumph der Sportswear über die Eleganz« untertitelt der Kultur-SPIEGEL in seiner letzten Nummer ein ödes Foto in seiner Titel-Strecke zum Thema »Goldrausch.Milliardenmarkt Kunst und Kultur«, und erkennt darin eine Moderevolution: »51,8 Prozent der deutschen Frauen kaufen keine Abendgarderobe, was sich auch an der Kleidung des Theaterpublikums ablesen lässt. Die 48,2 Prozent, die sich noch ein festliches Kleid kaufen, geben dafür im Durchschnitt 188 Euro aus - weniger als für eine Lederjacke. 3,7 Prozent der Frauen, die Abendkleider kaufen, nehmen allerdings gleich mehrere mit.« Fragt sich nur, was an diesem Umstand für den Spiegel kulturell oder kunstmarktmäßig signifikant ist: dass Menschen sich fürs Theater nicht mehr festlich anziehen oder dass die Streetwear einen so sensationellen Aufschwung erlebt hat. Bei der auf dem schrecklichen Foto abgebildeten Billigabendmode kann man Ersteres nur begrüßen und auf Letzteres hoffen.

 

03.08.2007
Remains of the Day
NULLERL.Wien-Fundstück

Neulich beim Wiederlesen von Der Fleck, die Jacke, die Zimmer, der Schmerz, ein Buch, das seinerzeit inspirierend zumindest für den Titel einer meiner Shows war, über eine herrliche und immer noch sehr wahre Wien-Beobachtung des »Piefkes« Wilhelm Genazino gestolpert. Sein Ich-Erzähler, auf Mozarts Spuren nach Wien gekommen, erlebt in einer Straßenbahn Folgendes:

»Ein Mann, der verspätet aussteigt und von den automatischen Türen eingeklemmt wird, stößt mit den Armen um sich, so daß die Türen zurückweichen und der Vorgang der automatischen Schließung sich wiederholt. Von der Straße aus sieht der Mann zurück auf die Türen und der ein wenig erhöht sitzende Schaffner ruft dem ungeschickten Fahrgast das Wort Nullerl nach. Das Wort ist nur zur Unterhaltung der Fahrgäste ausgerufen worden. Diese kichern und höhnen, allerdings nur knapp, als wollten sie ausdrücken, daß mit diesem dürftigen Angebot heute niemand mehr zu unterhalten ist. Da ist sie plötzlich die alte Unbarmherzigkeit der Stadt, die schon Mozart gespürt haben muß, diese überraschende Schmähung eines bloß sich entfernenden Menschen. Zwei Haltestellen weiter steige ich aus und schreibe mir das Wort Nullerl auf einen Zettel. Ich starre auf das Wort und ahne die nie erlahmte Zurückweisungskraft der Stadt.« (S. 71f.)

Nullerl, das klingt irgendwie wie Wolferl. Im Mozart-Jahr.


15.03.2007
Remains of the day
Modriges Füllhorn
Neuer Kirchhof von St.Nicolai und St. Marien, Prenzlauer Allee 7, 10405 Berlin


Wenn ich morgens auf dem Weg zu meinem Atelier durch diesen wunderbaren alten Friedhof laufe, taumle, träume, unter lauter Vätern, die dort ihre Kleinen spazierenfahren, habe ich oft die besten Einfälle für meine Einwürfe. Ob das an einem tiefen Zusammenhang von Vergänglichkeit und Mode liegt?
Aber was veranlasst die Väter (Mütter bemerke ich nur ganz selten), dort ihre Kleinen spazierenzufahren?

 

24.10.2006
Remains of the day
CEAP – the new Cool?


Das nenne ich ein wirklich raffiniertes Fashion-Statement! Das Preisschild ist natürlich nicht versehentlich hängen geblieben. Es ist die eigentliche Trophäe. Wie könnte man besser auf die Differenz zwischen dem eigenen Luxus und denen da unten in den Sweatshops hinweisen? Die Frage ist nur: Hat sie es selbst gewagt, das Beutegut zu erstehen? Oder hat sie es erstehen lassen? Oder ist das Preisschild etwa ein Designerstück?


20.10.2006
Remains of the day
StreetartShe faces it all


Der dynamische Alien, der paranoide Cop, der bedrohliche Hund – she faces it all, slightly puzzled...
Alle gesehen: Berlin-Mitte, Neue Schönhauserstraße, Gipsstraße, Sophienstraße, respectively.


20.09.2006
Remains of the day
Prekaritätstraining?


Und wieder einmal so ein Stück materieller Kultur, das Anlass zum Nachdenken gibt. Ein Hochseilgarten mitten in der brandenburgischen Natur, unterhalten von der Deutschen Kredit Bank. Um ihren Mitarbeitern beizubringen, wie man über richtig tiefe Abgründe balanciert? Oder eher, um sie darauf einzuschwören, wie gefährlich die Kreditvergabe an kleine Klitschenbetreiber ist, die noch materiell produzieren? Unbefugtes Trainung ohne fachgerechte Sicherung untersagt.


05.09.2006
Remains of the day
Der Duft des Echten

Ein Freund erzählte mir neulich von einer Einladung zu einer großen Pariser Parfümpräsentation vor vielen Jahren. Ein großes Parfümhaus – den Namen habe ich vergessen, aber es war zweifellos gaaanz groß – hatte einen bedeutenden Parfümdesigner – den Namen habe ich vergessen, aber er war zweifellos seeehr bedeutend – gewinnen können, einen neuen, ganz besonderen Duft zu kreieren. Die Sache war umso kostbarer, als sich der Duftdesigner früher um sehr viel Geld dazu verpflichtet hatte, sich aus dem Duftdesign zurückzuziehen. Nun also doch noch einmal, aber gemach. Das Werk des Meisters nahm einige Zeit in Anspruch, denn es sollte, wie gesagt, etwas ganz Besonderes werden. Er schnupperte sich durch die Welt und sandte Proben des Erschnupperten zu den besten Synthetiseuren nach Japan. Aber deren Ergebnisse befriedigten ihn lange nicht. Immer wieder wanderten Duftproben von Marokko – denn dort hatte er schließlich seine Inspiration empfangen – über den halben Erdball nach Japan und wieder zurück. Als das Werk nach zwei Jahren oder so doch die gewünschte künstliche Gestalt annahm, wurde es von dem Parfümhaus in einem Pariser Museum gebührend präsentiert. Edle Szenografie, die 300 geladenen exklusiven Gäste und Journalisten aus aller Welt wurden von je zwei umwerfenden Japanerinnen durch verschlungene Gänge in das Parfümallerheiligste geführt, nach und nach auf das geschmackvollste ausgelegte Spuren des edlen Dufts empfangend, um am Ende vom Meister persönlich in das Geheimnis eingeweiht zu werden: Das Parfüm, an dem er so lange mit so großer Sorgfalt gearbeitet hatte, war eine Komposition aus dem Duft frisch geschnittenen Zedernholzes und dem Schweiß marokkanischer Feldarbeiterinnen.
Schon komisch – nicht? – der Geschmack der Reichen. Dieser aufwändige Sozialrealismus! Diese Sehnsucht nach Erde! Und das in einer flüchtigen Duftwolke! Aber auch irgendwie rührend.


20.08.2006
Remains of the day
Mode und Glaube

Im »Dossier« der schon etwas verblassten Ausgabe der »Zeit« vom 10. August fand ich die Story von dem türkischen Modedesigner Mustafa Karaduman, der nicht nur in der Türkei Riesenerfolge mit seinem Label »Tekbir« feiert. »Tekbir« produziert Mode, die der islamischen Kleiderordnung entspricht. Berühmt machte ihn 1992 eine Modenschau, in der er normale Models verschleiert auf den Laufsteg schickte. Der Clou von Karadumans Label ist aber der Name: »Tekbir« ist die Bezeichnung für den berühmten Ruf »Allahu Akbar«. »Eine Modekette so zu nennen, war vermessen und genial zugleich«, bemerkt dazu die Zeit-Autorin Charlotte Wiedemann, »Das Heilige als Markenzeichen«.
Naja, Mode und Glaube geht halt recht gut zusammen, nicht nur im Islam. Erinnert sich noch jemand? Anfang der 90er Jahre, als Karaduman mit seiner Modeschau berühmt wurde, gab es in Berlin eine Mode-Messe, die sich – augenzwinkernd? – »Ave, Mode für Gläubige« nannte. Und das von mir geschätzte »Elternhaus« hat neulich ein »Unifaith«-Parfüm released, mit dem Namensmonster: » MoslBuddJewChristHinDao«. Das Flacon in Steinform. Um alle, die sich dem Einheitsglauben nicht anschließen, zu steinigen?


19.08.2006
Remains of the day
In der Tür geirrt
und gelernt, was die WM der Herrenwelt für die intimsten Minuten hinterlassen hat


gesehen im Museum Ludwig, Köln, als ich mich, wie gesagt, in der Tür irrte.


17.08.2006
Remains of the day
Die Welt in Zahlen
Text: Nava Ebrahimi, aus Brand eins 08/06

Zahl der Menschen weltweit, die im vergangenen Jahr in andere Länder reisten, in Millionen: 808
Entfernung von der mauretanischen Hafenstadt Nouadhibou bis zu den Kanaren, in Kilometer: 1200
Zahl der Flüchtlinge, die in den vergangenen zwölf Monaten auf dieser Strecke ertrunken sind: 3000
Zahl der Flüchtlinge, die die Kanaren seit dem 1. Januar 2006 erreicht haben: 11000


15.08.2006
Remains of the day
Oh Weh?