1940er • Die Tretnähmaschine

ICH WAR EINMAL

… ein weißes Hochzeitskleid am Körper einer jungen Frau aus dem Jahr 1945. Der 2. Weltkrieg war gerade vorbei, der Schwarzmarkt am Brandenburger Tor blühte, dort ergatterte sie meinen weißen Satin und eine Tretnähmaschine – im Tausch gegen ein Familienerbstück, welches der Großvater über die Kriegswirren gerettet hatte. Ich hing dann leider zwei Jahre im Schrank, da ihr zukünftiger Mann in russische Kriegsgefangenschaft geriet. Nur manchmal holte mich meine Trägerin heraus und drückte mich wehmütig an sich. Als ich dann endlich meinen großen Tag erleben durfte, war ich überglücklich, alle bestaunten und liebten mich. Danach verschwand ich für viele Jahre, eingemottet in einem Kleidersack. Dort entdeckte mich die Enkelin und ermöglichte mir ein zweites Leben als Partykleid, kombiniert mit krassem Nietengürtel und Sneakers. So landete ich schließlich ziemlich abgerumpelt am Flohmarkt. Dort hat mich dann Lisa erstanden und in ihrem Veränderungsatelier in den Hackeschen Höfen …

WACHGEKÜSST