1970er • Der Fischer vom Grundlsee

ICH WAR EINMAL

…eine beige Herrenhose aus den Siebzigerjahren, getragen wurde ich von einem älteren Herrn, einem Fischer aus Grundlsee, der ein leidenschaftlicher Zitherspieler war. Jede Woche trafen sich mehrere Männer in seinem Holzhaus und spielten stundenlang auf, der Zigarettenrauch durchzog in dicken Schwaden die Räume, und der Geruch nistete sich in all meinen Fasern ein, ich wurde richtig süchtig danach. Seine Frau hasste mich. Angeblich wegen des Zigarettengestanks, aber ich glaube, sie war eher eifersüchtig auf die »fröhlichen Herrenrunden«. Er aber ließ sich nicht beirren, trug mich die ganze Zeit, auch gegen die Morgenkälte, wenn er auf dem See seine Netze auswarf. Mir haben all diese Strapazen nichts ausgemacht, schließlich bestand ich aus Schurwolle mit einem Schuss Polyester und war vom hochangesehenen Dorfschneider persönlich angemessen und nach allen Regeln der Kunst genäht worden. Irgendwann hatte die Frau meines Trägers genug von mir, hat mich heimlich in einen Müllsack gesteckt und beim Dorfpfarrer abgegeben, angeblich wegen einer Hilfsaktion für Afrika. Gelandet bin ich dann aber auf einem Flohmarkt in Wien, dort hat mich Judith gefunden und im Veränderungsatelier in den Hackeschen Höfen

WACHGEKÜSST