1980er • Endlich ein Leben!

FahrradwesteklhP

ICH WAR EINMAL

ein rot-schwarzweiß kariertes Herrensakko, erzeugt in einer Nähfabrik in Prato, noch bevor die Chinesen dort ans Ruder kamen. An meiner Erzeugung beteiligt war die Textilabteilung einer großen deutschen Warenhauskette mit ihrer Fantasie von italienischer Unbeschwertheit.
Beäugt und betätschelt von zahlreichen Schaulustigen, die sich letztlich doch nicht für mich erwärmen konnten, hing ich dann eine ganze Saison lang in einer Filiale der Kette in Osnabrück herum. Zum Schlussverkauf fiel ich endlich der Gattineines Sparkassendirektors ins Auge, die sich ihren Mann manchmal etwas kecker gekleidet vorstellte. Doch der konnte sich beim besten Willen nicht dazu durchringen, mich zu tragen, nicht einmal in seiner Freizeit, in der er sich als Obmann eines Tennisvereins engagierte. So hing ich als unerfüllte Wunschvorstellung viele weitere Jahre ganz hinten in einer wohlsortierten Garderobe voller neutraler, dunkler Anzüge. Eines Tages aber kam ich dann doch noch zum Einsatz: als Kostüm in einer Schulaufführung von »Death of a Salesman «, in der der ältere Sohn des Paares den Willy Loman gab.Von da an gings nur noch bergab.
Nach der einmaligen Aufführung landete ich über etliche Zwischenstationen in einem Sozialkaufhaus der Diakonie. Da dort alle nur Augen für das grässliche Outdoorzeug hatten, wurde ich am Ende an eine Mitarbeiterin von »Bis es mir vom Leibe fällt« verscherbelt, die etwas von WACHKÜSSEN faselte– und das dann auch tat. So erwachte ich als Fahrradweste wieder. Nicht gerade mein Traum von Wachküssen, aber immerhin habe ich nun ein Leben und genieße eine gewisse Aufmerksamkeit.