2012er • schwierige Familienverhältnisse

KapuzenpulliklhP

ICH WAR EINMAL

ein grauer Kapuzenpulli aus der Viking Kollektion von »Thor Steinar«, einer Streetwear-Marke, deren Träger vorwiegend – hm, wie soll ich das nennen, ohne meinen Ahnen
zu nahe zu treten? – Fußballanhänger sind, die es gern etwas handfester haben, oder Nordic Soul Fans mit einer Vorliebe für Runen, Kreuze und Frakturschrift.
Sie mochten einfach das branding, mit dem meine Erzeuger mich und meinesgleichen versahen. Meine älteren Geschwister sind deswegen sogar ins Visier des Vrfassungsschutzes geraten und mit Verkaufsverbot belegt worden. Weil es angeblich ein Ausdruck von Fremdenhass sei. Dabei wurde ich in einer Fabrik in der Türkei erzeugt, und aus Biobaumwolle!
Aber das hat alles nichts genutzt. Diese Sache mit dem branding hat meine Familienverhältnisse einfach ungeheuer belastet, und dann wurde ich auch noch zur Adoption freigegeben.
Ich kann von Glück sagen, dass mich dieser verzweifelte Großvater im Internet aufgespürt hat. Er hielt mich für ein originelles Geburtstagsgeschenk für seinen wikingerbegeisterten 14-jährigen Enkel. Und tatsächlich machte er dem Jungen eine Riesenfreude.
Der trug mich mit großer Begeisterung, bis er bemerkte, dass er damit zunehmend die Blicke komischer glatzköpfiger Männer auf sich zog. Als ihn einmal einer davon ansprach, bekam er es mit
der Angst zu tun und warf mich in die nächste Mülltonne. Glücklicherweise befreite mich seine Mutter gleich am nächsten Tag daraus, weil sie mich wegen meiner praktischen Form und Stoffqualität schätzte. Sie brachte mich ins Veränderungsatelier »Bis es mir vom Leibe fällt« und beauftragte Irene, alle verdächtigen Zeichen zu entfernen. Irene vereinte mein
vergangenheitsseliges branding so gekonnt mit einer ebenso gestrigen Schnulze, dass mich jetzt sogar der ältere Bruder meines Jungen sexy findet. Solches WACHKÜSSEN lasse ich mir durchaus gefallen.