1970er • Aus der Vogue des Ostens

ICH WAR EINMAL

… ein zartkariertes, mit blassblauen Borten besetztes Sommerkleid einer jungen Literaturstudentin aus Leipzig. Geboren wurde ich im Jahr 1973, dem Summer of Love and Peace der DDR. Ich sprang mit meiner Trägerin auf den X. Weltfestspielen der Jugend herum und tanzte mit ihr zum damals revolutionären Sound von Puhdys & Co.
An meinem Anfang stand ein Baumwoll-Synthetik-Stoff aus dem VEB Textilkombinat Cottbus und ein Schnittbogen aus der »Vogue des Ostens«, der DDR-Mode- und Kulturzeitschrift Sibylle. Glücklicherweise gab die Zeitschrift einige gute Tipps, wie man den raffiniert-praktischen Schnitt »Tramper«-mäßig aufpeppen konnte. So kam die Borte ins Spiel, die sie von einer französischen Brieffreundin, einem Mitglied der Lyoner Sektion der Jeunes comunistes, geschickt bekommen hatte.
Behaftet mit den Erinnerungen an die Aufbruchstimmung meiner Entstehungszeit, begleitete ich sie viele Jahre zu hitzigen Debatten in literarischen und politischen Zirkeln und zu legendären Konzerten in Berlin. Selbst, als sie nach der Geburt ihres zweiten Sohnes aus mir herauswuchs, konnte sie sich nicht von mir trennen. Sie räumte mir einen Ehrenplatz in ihrem Kleiderschrank ein und ließ immer wieder liebevoll ihren Blick über mich gleiten.
Erst als sie 2010 die Gentrifizierung aus ihrer Altbauwohnung am Prenzlauer Berg vertrieb, hat sie mich schweren Herzens am Flohmarkt Mauerpark vertickert. So gelangte ich in dieses Veränderungsatelier und wurde dort von Anne

WACHGEKÜSST