THEORETISIEREN

Das Veränderungsatelier »Bis es mir vom Leibe fällt« widmet sich der Reparatur im weitesten Sinn des Wortes: der Erhaltung und Erneuerung von Dingen, die sich bereits in der Welt befinden.

Die Zufälle, mit denen das Leben die Dinge zeichnet, begreifen wir als Anreiz zur Um- und Anverwandlung, zu gestalterischen Eingriffen, die das Malheur aufheben und nebenbei aus einem Fake oder Massenprodukt ein Original machen: ein persönlich (mit)gestaltetes Einzelstück.

Insofern Design – und speziell das Modedesign – vom Wunsch beflügelt wird, Mängel und Unzulänglichkeiten auszugleichen, ist es vielleicht immer schon Reparatur gewesen. Wir betrachten das Reparieren daher auch nicht als Beschränkung, sondern als Möglichkeit zur Schaffung von Neuem – als Mittel zur Veränderung in einer reparaturbedürftigen Welt. Man kann damit Ressourcen schonen und sich ein wenig Handlungsfähigkeit zurückerobern. Und nicht zuletzt ist es auch eine designerische Entspannungsübung: Gestaltungsentscheidungen werden an das Leben und den User abgegeben, der zwanghaft kontrollierende Zugriff auf Dinge und Umwelt gelockert.

Das Angebot von »Bis es mir vom Leibe fällt« reicht von einfachen Änderungs- und anspruchsvollen Restaurationsarbeiten über die Entwicklung neuer und personalisierter Reparaturideen bis zum Updaten und Upcyceln aus der Gunst gefallener oder fragwürdiger Stücke. Dabei stützen wir uns vorwiegend auf bereits existierende, recycelte oder ökologisch produzierte Materialien. Außerdem führen wir eine Reihe von einschlägigen Fertigprodukten: aus Wegwerfstoffen gewonnene Kleidungs- und Schmuckstücke und interessante Do-it-Yourself-Reparaturtools.

Beantwortung einer Frage von designrelevant.de
»Welcher Änderungen bedarf es, um einem Kleidungsstück eine neue Seele einzuhauchen?«
(Januar 2013)

Design – speziell das des eigenen Körpers – war vielleicht schon immer von dem Wunsch beseelt, Mängel und Unzulänglichkeiten auszugleichen, den Körper zu strecken oder zu verkürzen, seine Proportionen in Balance zu bringen, ihn farblich hervorzuheben oder zu tarnen. So gesehen, ist Design eigentlich seit jeher Reparatur gewesen.

Dennoch gerieren sich Modeschöpfer oft als Genies, die den Ehrgeiz haben, den Menschen Saison für Saison aus dem Nichts neu zu erfinden. Sie diktieren dem weißen Blatt Papier ihre fixe Vorstellung von Vollkommenheit und Perfektion. Unter Mobilisierung von Unmengen an Ressourcen und Heerscharen von schlecht bezahlten Arbeitskräften, prügeln sie das Material dann gewissermaßen in die gewünschte Form.

Der Reparateur kann im Gegensatz dazu loslassen. Er verabschiedet sich vom verzweifelten Versuch des Schöpfers, die Zeit anzuhalten und in einem Bild der Perfektion zu verdichten. Er übt sich in designerischer Entspannung: Er gibt Gestaltungsentscheidungen an das Leben, den User und das Material ab, und lockert den zwanghaft kontrollierenden Zugriff auf Dinge und Umwelt.

Die Reparatur geht von einem »Etwas« aus und stellt damit einen Befreiungsschlag für alle beteiligten Akteure dar. Das neue Artefakt entsteht quasi als ein Verhandlungsprozess zwischen dem vorhandenen Material, seiner Form, seinen Mängeln und seinem Benutzer. Das Ausgehen vom Fehler räumt dem Zufall, mit denen das Leben die Dinge zeichnet, Platz ein. Die Beschränkung auf das vorgegebene Material fordert dazu heraus, das »Undenkbare« zu denken und die Angst vor Missgriffen zu überwinden. Die Auseinandersetzung mit den Vorstellungen des Auftraggebers bringt sowohl den Designer als auch den Benutzer dazu, sich von liebgewordenen oder vorgezeichneten Bildern zu lösen und ästhetisches Neuland zu betreten.

Kurzum: Reparieren bedeutet keineswegs, das Alte zu bewahren, sondern ist eine Möglichkeit zur Schaffung von Neuem. Es ist vielleicht das einzig wahre Mittel der Veränderung, und vielleicht gerade deshalb, weil es gar keiner Seele bedarf, sondern von Haus aus beseelt ist, von dem, was ihm materiell vorliegt und danach ruft, mit der jeweiligen Situation in Einklang gebracht zu werden. Es ist eine Form des Designs, die der Einzelne selbst in die Hand nehmen und durch die er sich ins Einvernehmen mit seiner Umwelt setzen kann.

Die Seele – im Sinn unvergänglicher Formen und ewiger Schönheit – sei getrost den Gläubigen der Modeindustrie und ihrer Zulieferbetriebe überlassen, die in ihrem hektischen Material- und Personalverschleiß letztlich nur alle Veränderung zu bannen versuchen.